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Vertreibung aus Paradies verhindern

Vertreibung aus Paradies verhindern

Rhein-Zeitung - Ausgabe Neuwied vom 28.05.2005, Seite 12

Vertreibung aus Paradies verhindern

Spaziergänger im Engerser Feld wollen sich nicht mit Sperrung des Geländes abfinden - Behördenvertreterin verspricht Kontrolle nach dem Abschluss der Rekultivierung.

Gegner der Kann-See-Sperrung formieren sich: Protestveranstaltung am Mittwoch - Schreiben an OB Roth - Wasserschutzbehörde verteidigt Vorgehen
Der Protest gegen die Sperrung des Kann-Sees nimmt an Schärfe zu. Am kommenden Mittwoch laden die Gegner der Sperrung zu einer Informationsveranstaltung ein. Die Wasserschutzbehörde hingegen verteidigte das Vorgehen.

ENGERS. Es ist eine Entscheidung, die eine Lawine von Protesten losgetreten hat: Die Sperrung des Kann-Sees im Engerser Feld hat bei vielen Spaziergängern aus Neuwied und Umgebung einen Sturm des Protestes ausgelöst.
"Hier wurde nicht nur Natur zerstört, und das während der Brut- und Wachstumsphase, sondern den Menschen auch ein Stück Naherholung geraubt", schreibt der Neuwieder Helmut Krämer in einem Leserbrief an die Rhein-Zeitung. Und Karl-Heinz Christmann prophezeit den Verantwortlichen der Aktion: "Nägel mit Kopfen wollte man machen. Herausgekommen ist allenfalls ein rostiger Nagel, an dem alle Verantwortlichen noch ganz schön zu knabbern haben werden."
Einen ersten Schritt in diese Richtung wollen die Gegner der Sperrung am kommenden Mittwoch, 1. Juni, gehen - während einer Protest- und Informationsveranstaltung in der Gaststätte "Bootshaus am Pegelturm" möchten sie ihrem Unmut über die "Vertreibung aus dem Paradies" Luft machen. "Die Leute sind noch immer geladen", berichtet Roland Knapp, der nach eigenem Bekunden für etwa 40 Bürger spricht. Aus ihrer Sicht wurden bei der Sperrung des Kann-Sees die Interessen der Bürger schlichtweg übergangen. Bei dem Gebiet um den Kann-See handelt es sich nach dieser Lesart längst nicht mehr um ein reines Privatgelände, sondern um "Allgemeineigentum".
Das unterstreicht Knapp auch in einem Schreiben an den Neuwieder Oberbürgermeister Nikolaus Roth (SPD) und geht gar noch ein Stück weiter: "Die mit brachialer Gewalt durchgeführten Landschaftszerstörungen sind durch nichts zu entschuldigen und erfüllen unseres Erachtens den Tatbestand eines gewaltigen Offizialdeliktes." Will sagen: Die Sperrung des Kann-Sees ist eine Sache für den Staatsanwalt.
"Das ist Privatgelände"
Dass rund um den Kann-See quasi durch die normative Kraft des Faktischen ein Naherholungsgebiet entstanden ist, will Ute Juchem von der obersten Wasserschutzbehörde bei der Struktur- und Genehmigungsdirektion in Koblenz nicht gelten lassen. "Das ist Privatgelände. Einen solchen Ansturm auf ein privates Grundstück habe ich so noch nicht erlebt. Das ist keine öffentliche Grünfläche."
Die Nutzung ist nach ihren Worten "nicht von den Behörden geduldet worden. Es wurden Bußgelder verhängt, die Polizei war vor Ort, die Firma Kann hat Schilder aufgestellt und einen Zaun errichtet." Außerdem habe man der Öffentlichkeit schon in den vergangenen Jahren Signale gegeben, um die Bürger aus diesem Gebiet "rauszuhalten". Als Beispiele nennt sie das Surfverbot, für dessen Durchsetzung die Behörde bis vor das Oberverwaltungsgericht zog, oder das Ende für den Angelverein, der den See noch dieses Jahr genutzt hat.
Zwar gibt die Juristin zu, dass "wir mit allen Maßnahmen nicht immer durchgehend erfolgreich waren". Aber eben deshalb hat sich die Behörde laut Juchem in Absprache mit Stadt, Kreis und der Firma Kann zu einer totalen Abschottung des Sees entschlossen. Dabei folge sie im Übrigen den Vorgaben, die bereits in der ursprünglichen Genehmigung des Kiesabbaus von 1986 formuliert sind. Darin heißt es: "Die Firma Kann ist verpflichtet, eine Freizeitnutzung der gesamten Seefläche des Kann-Sees, der Ufer und der durch Auskiesung abgesenkten Landflächen in geeigneter Weise zu unterbinden. Durch die naturnahe Gestaltung des Kiessees bei gleichzeitiger Unterbindung von intensiven Freizeitaktivitäten soll das Risiko einer Grundwasserverschmutzung möglichst gering gehalten werden." Als Maßnahmen schlug ein Gutachten des Büros Björnsen eine dichte Bepflanzung des Uferbereichs und die Beseitigung der Wege im Uferbereich vor. Die Ziele waren dabei laut Juchem neben der Verkehrssicherungspflicht der Firma Kann der Schutz "eines der bedeutenden Trinkwasservorkommen im nördlichen Rheinland-Pfalz, aus dem zirka 130 000 Menschen mit Wasser versorgt werden".
Schließlich sei der Kann-See bereits seit 1991 Wasserschutzgebiet und "besteht faktisch aus offen liegendem Grundwasser". Deshalb ist er laut Juchem "wasserwirtschaftlich sehr bedenklich, weil ein Direkteintrag von Schadstoffen ins Grundwasser möglich ist und eine Filterwirkung, die normalerweise durch schützende Deckschichten stattfindet, nicht mehr besteht".
Natur wird nicht gedient
Roland Knapp hält dies für eine "Trinkwasserhysterie" - schließlich sei das Wasser aus dem Engerser Feld schon seit Jahren erwiesenermaßen von hoher Qualität. Außerdem distanziert er sich wie viele andere Spaziergänger von illegalen Badegästen am Kann-See, die er als "Rechtsbrecher" bezeichnet. Durch die Begradigung der Böschungen und die gefällten Bäume wurde aus seiner Sicht jedoch weder der Natur noch der Sicherheit der Bürger gedient.
Das sieht Gerhard Breßler ähnlich. Der Neuwieder hat intensiv in den Akten der Wasserschutzbehörde zum Thema Kann-See recherchiert. Sein Ergebnis: "Hier ist der Naturschutz mit Füßen getreten worden. Ich halte eine Umweltverträglichkeitprüfung für notwendig, zumal es sich seit 2002 um ein europäisches Vogelschutzgebiet handelt." Seltsam findet Breßler auch, dass sich an dem Zustand des Sees seit 1992 nichts verändert hat und erst jetzt "so hastig" gehandelt wird.
Endkontrolle geplant
Auch darauf hat Ute Juchem eine Antwort: Erst mit dem endgültigen Ende des Kiesabbaus in diesem Jahr gibt es demnach Handlungsbedarf. Ob die beschlossenen Maßnahmen jedoch geeignet sind, um das Ziel Trinkwasserschutz zu erreichen, "darüber kann man auch anderer Meinung sein", räumt sie ein. Gleichzeitig betont sie jedoch, dass alles mit Stadt und Naturschutzbehörden abgestimmt ist. Außerdem hat sich laut Juchem bereits ein Ingenieur von der SGD Nord vor Ort über die bisherigen Aktionen informiert. Außerdem soll es zum Abschluss eine Art Endkontrolle geben.
Bis dahin könnte der Bürgerprotest weiter zunehmen. Roland Knapp will nicht ausschließen, dass sich bei der Info-Veranstaltung in der nächsten Woche auch eine Bürgerinitiative gegen die Sperrung bildet. Allerdings betont Knapp: "Wir wollen eine einvernehmliche Lösung." Dabei sieht er jedoch auch die Stadt Neuwied in der Pflicht. "Sie sollte im eigenen Interesse das Zepter in die Hand nehmen und die verschiedenen Interessen unter einen Hut bringen."    
Christian Kunst



 

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